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Muss sich Arbeit (wieder) lohnen? PDF Drucken E-Mail
Mittwoch, den 30. März 2011 um 22:59 Uhr

Seit Jahren quält eine Frage das öffentliche Bewusstsein in Deutschland. Eine Frage, die zumeist keine wirkliche Frage ist, sondern vor allem ein Täuschungsversuch der Politik gegenüber den Menschen. Ein Wahlkampfmanöver, und eine billige, machtpolitische Demagogie, welche die Menschen weiterhin dort hin treiben und halten soll, wo sie die ihnen vom etablierten Herrschaftsgefüge des bürgerlichen Liberalismus zugeteilte Rolle ausfüllen sollen.

Nämlich die des dressierten ökonomischen Nutzviehs, des Humankapitals, des fleißigen, der Allgemeinheit nützlichen Arbeiters und Leistungsträgers. Es geht um die Frage, ob sich Arbeit lohnt und lohnen müsse. Der Begriff "Arbeit" kann wahlweise auch durch den der "Leistung" ersetzt werden. "Leistung" ist dabei positiver besetzt, als modernistisches, neoliberales Synonym zum originär liberal geprägten Arbeitsbegriff.

Dieser ist eher mit Mühsal und Leiden verknüpft und wurde darum kompensatorisch besonders von sozialistisch geprägten Geisteshaltungen auch stets so zwanghaft stilisiert und vergötzt. Seitdem ist Arbeit und ihr neoliberales Äquivalent Leistung das goldene Kalb, um das sich das Leben und die Sinnerfüllung dieses Lebens des abendländisch dressierten, verbürgerlichten Menschen dreht.

Dieser Arbeitskult ist das dogmatisch-ersatzreligiöse Fundament des Liberalismus. Auch der Sozialismus verkümmerte unter liberalem Einfluss zu einer verkappt liberalen Bewegung, zu einer Art liberalen Proletarismus. Nachdem er ursprünglich noch eine emanzipatorische, gegen die ökonomisierte und kultisch pervertierte Form der Arbeit rebellierende Bewegung war.

Nämlich gegen die Erwerbs- oder Lohnarbeit, und deren Vereinnahmung und Unterwerfung der Gesellschaft. Durch den autoritären Sozialismus, insbesondere in Form der Sozialdemokratie und des nationalsozialistisch geprägten Nachkriegskonservativismus trug der Liberalismus seinen Arbeitsgötzen tief in die Gesellschaft hinein und unterwarf sie seiner proletarisierten Bürgerlichkeit.

Und formte auf diese Weise ein bürgerliches Zwangsarbeitskollektiv, das fortan von der Frage nach dem Lohn seiner Arbeit getrieben und obendrein auch gespalten wurde. Innerlich wie äußerlich gespalten. Freiheit in Form von moralischer und politischer Souveränität und Emanzipation spielt dagegen seitdem keine große Rolle mehr. Vielmehr verkümmerte sie ebenso, gemeinsam mit der verbürgerlichten Gesellschaft, in ein pervertiertes Moralsurrogat arbeitskultisch dressierter Willkür.

Diese ideologisch-moralistische Verknüpfung von Arbeitskult und Freiheitswillkür, die dem Liberalismus schließlich auch seinen Namen gab, manifestierte sich letztlich in und über Konzentrationslagern wie Auschwitz in der (national-)sozialistischen Variante eines arbeitskultischen Freiheitsdogmas: "Arbeit macht frei". Eine Parole, die ebenso gut über den sowjetischen Gulags hätte stehen können.

Oder an den Stasi-Zuchthäusern der DDR, oder deren Vorgängern, den Irrenhäusern und Arbeitslagern der absolutistischen Aristokratie des 17. und 18. Jahrhunderts. "Arbeit macht frei" ist das zentrale Dogma der bürgerlichen Moderne. Es bereitete ihren Gräueln und Verbrechen, von besagten Zuchthäusern, sowie Arbeits- und Vernichtungslagern bis hin zum Holocaust, vom Lumpenproletariat des 19. Jahrhunderts bis zum heutigen Lohndumping, und von der Rassenhygiene im Dritten Reich bis zur gegenwärtigen Hartz IV-Gesetzgebung den Weg.

Im Neoliberalismus und dessen Verbrüderung mit dem nationalsozialistisch geprägten Nachkriegskonservativismus, im Neokonservativismus, nimmt auch der zur "Arbeit" synonyme Begriff der "Leistung" eine immer tragendere Rolle ein. Dieses gewissermaßen neoliberale Neusprech begleitet dementsprechend auch neue Varianten der alten konservativ-sozialistischen, nationalsozialistischen Konzentrationslager-doktrin "Arbeit macht frei".

Eine bevorzugte neoliberale Variante lautet etwa "Aufstieg durch Leistung". Darin stellt sich das urliberale Freiheitsverständnis von Freiheit als Synonym zu Herrschaft, zu Machtausübung innerhalb einer hierarchisch-kompartimentierten Ordnung bloß. Die arbeitskultische Grundlage des Liberalismus bildet dabei dementsprechend die Herrschaft der Arbeit über den Menschen, sowie ferner das sich über diese vermittelnde und entfaltende ökonomische System der Kapitalverwertung.

Dieses ökonomistische Herrschaftsprinzip des Liberalismus kommt in dessen Phrasen der "freien Märkte" oder "freien Marktwirtschaft" zum Ausdruck. Die ideologisch suggerierte "Freiheit" dieser Märkte oder Marktwirtschaft besteht allerdings ausschließlich darin, über den Menschen, über Gesellschaft und Politik zu herrschen. Dieses ideologisch-moralistische Zerrbild von Freiheit hat mit echter Freiheit im humanistischen und sozial-emanzipatorischen Sinne nichts mehr zu tun.

Bereits allein deswegen, weil der Mensch als Mensch in diesem pseudofreiheitlichen Herrschaftsgefüge keine Rolle mehr spielt. Lediglich nur noch als dressierter, instrumentalisierter Handlanger der heiligen liberalen Dreieinigkeit, des Arbeits-, Produktivitäts- und Kapital(selbst)verwertungs-Götzen. Dies ist die eigentliche Bedeutung des neoliberalen Heilsversprechens "Aufstieg durch Leistung", welches dem (national-)sozialistischen "Arbeit macht frei" entspricht und es als dessen modernisierte Variante ersetzt.

Die etwas konservativere, sozialdemokratische Variante des Konzentrationslagerdogmas ist "Fördern und Fordern". Darin kommt besonders das liberale Menschenbild vom Menschen als unmündiges, triebhaftes, parasitäres und dressierbares Wesen zum Ausdruck. Die darin ebenfalls zum Vorschein kommende sozialdarwinistische Gesinnung ist nationalsozialistischer Weltanschauung noch wesentlich näher als die neoliberalen Leistungsparolen.

"Fördern und Fordern" steht ganz unmittelbar in der Geistestradition des liberalen Nützlichkeitsrassismus, der Menschen überhaupt keinen eigenen, inneren Wert an sich, ein unmittelbares und bedingungsloses Lebensrecht zuerkennen kann. Lediglich nur noch unter den Bedingungen der fremd- und/oder selbst-dressierten Dienst- und Nutzbarmachung innerhalb der ökonomischen Produktionsmaschinerie und damit auch gegenüber der dieser vollständig unterworfenen Gesellschaft.

Dementsprechend totalitär und menschenfeindlich müssen die bürokratischen Auswüchse der um diese Parole entworfenen Sozialgesetzgebung zwangsläufig sein. Sie hebeln äußerst effektiv selbst die letzten Reste bzw. die überhaupt nur wenigen Ansätze wirklich demokratisch-rechtsstaatlicher Strukturen in Deutschland systematisch aus.

Dieses unmittelbar sozialistisch geprägte arbeitskultische Menschenbild bildet gewissermaßen die demagogische Vorhut des originären Liberalismus und dessen arbeitskultischen Freiheitsverständnisses und seiner darauf aufgebauten Herrschaftsordnung. Auch der Neoliberalismus ist nicht nur ein Auswuchs, sondern ebenfalls eine ideologische Vorhut, ein machtpolitisches Instrument der ökonomischen Herrschaftsordnung des Liberalismus.

Der Neoliberalismus ist im Kern ein ökonomistischer Sozialdarwinismus, ein gewissermaßen postnationalsozialistischer, also ein um originär völkisch-rassistisches Denken bereinigter Auswuchs liberaler Geisteshaltung. Sie äußert sich in einer weiteren, und der wohl beliebtesten, der populistischsten Variante jener Konzentrationslagerdoktrin: "Leistung muss sich (wieder) lohnen".

Diese demagogische Parole erfreut sich natürlich durch das gesamte bürgerliche Lager großer Beliebtheit. Auch in diesem Fall ist das Wort "Leistung" für konservativere Gemüter durch "Arbeit" ersetzbar. Die Darstellung dieser Parole als Frage, ob sich Leistung lohnen müsse oder solle, kann eindeutig beantwortet werden: Nein!

Arbeit oder Leistung müssen und sollten sich nicht lohnen. Sie müssen vielmehr bezahlt werden, und zwar so, dass man davon leben kann, und so, dass sie ihrer gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Bedeutung gerecht werden. Die wohl zwangsläufige, affektive Entgegnung, dass dies ja damit gemeint sei, kann getrost ebenso verneint werden.

Denn wer von "lohnen" und damit letztlich von Belohnung im Kontext von Erwerbsarbeit spricht, also im Sinne von strukturell fremdbestimmten Tätigkeitsmustern im Rahmen einer Kapitalverwertenden Ökonomie, der tradiert dabei nichts weiter als eine moderne Sklavenideologie, eine masochistische, selbstentmündigende Geisteshaltung.

Genau die Geisteshaltung nämlich, die jene Konzentrationslagerdoktrin mitsamt ihren Nachkriegsvarianten letztlich bedient und fördert, weil sie eben die geistige Herrschaftsgrundlage der bürgerlichen Kapitalverwertungsökonomie darstellt. Und die dementsprechend überwunden werden muss, will man die totalitäre Vorherrschaft der liberalen Produktionsmaschinerie und Kapitalverwertung brechen.

Um anschließend endlich und erstmals eine freiheitliche Gesellschaftsordnung etablieren zu können, die dieses Attribut auch wirklich verdient. Die größten Freiheitsfeinde der Gegenwart sind der Lohn- und Leistungskult des Liberalismus. Der nichts weiter als ein pervertiertes Freiheitssurrogat anzubieten hat und dieses etabliert, solange sich Menschen dem masochistischen Zwangsdenken ausliefern, dass sich Arbeit und Leistung lohnen müssten.

Die Vernunft und ein aufgeklärtes Freiheitsverständnis sprechen dagegen eine gänzlich andere Sprache: Nicht Leistung, sondern Leben muss sich lohnen. Nicht Arbeit, sondern Einkommen muss sich lohnen. Einkommen muss sich lohnen, wenn es und damit es dem Leben dient. Damit Arbeit dem Menschen dient, anstatt umgkehrt. Damit sich statt Arbeit das Leben lohnt.

Das von Arbeit entkoppelte Einkommen, das sich genau deswegen anstelle der Arbeit lohnt, führt geradewegs zum Bedingungslosen Grundeinkommen. Zum Prinzip der Bedingungslosigkeit des (Be-)Lohnens, aufgrund der auf das Leben und nicht an falschen Götzen und deren Kulten ausgerichteten Belohnung.

Mit anderen Worten: Grund-Einkommen als Lohn für das Leben. Für das Geschenk des Lebens. Als unveräußerbares Daseinsrecht. Das Leben als bedingungsloser Lohn seiner selbst. Das ist Freiheit. Alles andere ist masochistischer, lebensfeindlicher, irrationaler Götzenkult. Das Prinzip der Selbstversklavung zum Zweck der Herrschaft auserwählter Eliten. Das diametrale Gegenteil von Freiheit.

 

 

 

 

 

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Der Lohnkult: Das Dogma von Arbeit und Einkommen

Vor einiger Zeit versuchte ein Kommentar in der SZ die Vorzüge des Sozialstaatsprinzips, der Umverteilung von oben nach unten, gegenüber dessen neoliberalen und zinskapitalistischen Gegenstück, der Umverteilung von unten nach oben zu preisen. Nur wenig später haute etwa ein weiterer Artikel im sozialdemokratischen Propagandaorgan taz in die selbe Kerbe.

Letztlich sind dies nur zwei Beispiele für einen Kult, für eine Massenpsychose, von der die gesamte moderne, bürgerliche Gesellschaft befallen ist. Diese kollektive Geisteskrankheit manifestiert sich konkret auch in jenem Dogma vom autoritären Sozialstaat und seiner alimentierenden Umverteilungsmaschinerie. Zwanghaft, ja eigentlich wahnhaft wird die Umverteilung beschworen und dabei als "gerecht" und "nachhaltig" moralisiert.

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